Seit September 2023 arbeiten das Radboudumc in Nimwegen, das Universitätsklinikum Düsseldorf und das Universitätsklinikum Münster im Rahmen des Interreg Deutschland-Nederland-Projekts „IMAGINATION“ zusammen. Wir sprachen mit dem Projektleiter Dylan Henssen, Nuklearradiologe, und als Projektleiter am Radboudumc tätig, über den Fortschritt des Projekts.
Was genau beinhaltet das Projekt IMAGINATION und welches Problem will es angehen?
IMAGINATION untersucht, wie wir künstliche Intelligenz besser bei der Bildgebung von Patienten mit Gliomen, einer Gruppe bösartiger Hirntumore, einsetzen können. Bei diesen Patienten kommen häufig MRT-Scans zum Einsatz. KI kann dabei helfen, aus diesen Bildern Informationen beispielsweise über die Art des Tumors und den weiteren Krankheitsverlauf zu gewinnen. Doch ein KI-Modell, das technisch gut funktioniert, ist noch nicht automatisch für die tägliche Patientenversorgung geeignet. Man benötigt große Datensätze und muss wissen, ob ein solches Modell auch bei Patienten aus anderen Krankenhäusern zuverlässig funktioniert. Im Rahmen von IMAGINATION bündeln wir daher Bilddaten und Fachwissen aus drei Zentren in den Niederlanden und Deutschland. Wir untersuchen verschiedene wissenschaftlich validierte KI-Methoden und standardisieren die Analyse von MRT-Bildern zwischen den Zentren. Letztendlich wollen wir herausfinden, wo KI tatsächlich einen Mehrwert für die Versorgung von Patienten mit einem Gliom bietet.
Viele Menschen verbinden KI mit großen Chancen, aber auch mit Risiken. Welche Herausforderungen und Chancen bringt der Einsatz von KI in der medizinischen Praxis Ihrer Meinung nach mit sich?
Die Chancen sind enorm. Als Radiologe oder Nuklearmediziner sichtet man immer größere Mengen und immer komplexere Bilddaten. KI kann dabei helfen, Muster zu erkennen, Messungen zu automatisieren und möglicherweise Informationen sichtbar zu machen, die für das menschliche Auge schwer zu erkennen sind. Aber wir müssen dabei auch kritisch bleiben. Ein Algorithmus kann in dem Krankenhaus, in dem er entwickelt wurde, sehr gut funktionieren, bei anderen Patienten, Scannern oder Bildgebungsprotokollen jedoch weniger gut. Genau deshalb sind große, vielfältige Datensätze so wichtig. Darüber hinaus spielen natürlich Aspekte wie Datenschutz, Transparenz und Verantwortung eine Rolle, aber in diesem Bereich gibt es in Europa glücklicherweise immer mehr Gesetze und Vorschriften. So können wir gewährleisten, dass Daten sicher genutzt werden.
Außerdem sehe ich KI nicht als Ersatz für den Arzt. Die interessante Frage ist vielmehr, wie wir die Stärke der KI mit dem Wissen und Können des Arztes kombinieren können, damit der Patient letztendlich eine bessere Versorgung erhält.
Das Projekt IMAGINATION läuft noch bis September 2027. Was hat das Projekt bisher bereits erreicht?
Wir haben inzwischen recht konkrete Ergebnisse erzielt. Zunächst einmal haben wir gemeinsam eine Methode entwickelt, um Bilddaten aus den drei Zentren einheitlich zu erfassen, zu bearbeiten und zu archivieren. Das ist unerlässlich, wenn man KI zuverlässig auf multizentrische Daten anwenden will.
Darüber hinaus haben wir Patienten, Angehörige und medizinisches Fachpersonal aus den Niederlanden und Deutschland zum Einsatz von KI in diesem Kontext befragt. Die Interviewstudie zeigte, dass Patienten KI überwiegend positiv gegenüberstehen, während Fachleute mit mehr KI-Erfahrung kritischer sind. Zudem zeigte sich vor allem eine Diskrepanz zwischen den Möglichkeiten der KI und den klinischen Anforderungen. Nicht alle verfügbaren KI-Tools beantworten eine sinnvolle Fragestellung oder liefern klinisch relevante Ergebnisse. Hier sollten Endnutzer (Ärzte, Pflegekräfte, Patienten, Angehörige) stärker in den Prozess einbezogen werden.
Auch technologisch haben wir große Fortschritte gemacht. Wir haben verschiedene KI-Softwarepakete ausgewählt und implementiert. Durch Analysen der gesammelten Daten bewegen wir uns zunehmend von der Entwicklung hin zur tatsächlichen Bewertung des klinischen Mehrwerts.
IMAGINATION bringt Partner aus Deutschland und den Niederlanden zusammen. Warum ist eine grenzübergreifende Zusammenarbeit bei diesem Thema wichtig?
Für medizinische KI ist das eigentlich unerlässlich. Gliome sind relativ selten, und für eine zuverlässige KI benötigt man gerade viele Daten. Durch die Zusammenarbeit von drei Zentren aus den Niederlanden und Deutschland erhalten wir nicht nur einen größeren, sondern vor allem auch einen vielfältigeren Datensatz. Letzteres ist vielleicht sogar noch wichtiger. Krankenhäuser in den Niederlanden und in Deutschland arbeiten teilweise auf unterschiedliche Weise, wodurch der Datensatz vielfältiger wird, als wenn wir nur niederländische oder nur deutsche Zentren einbeziehen würden. Ein Algorithmus, der ausschließlich auf der Grundlage von Daten aus einem einzelnen Zentrum oder Gesundheitssystem entwickelt wurde, kann dort zwar gut funktionieren, ist aber anderswo möglicherweise weitaus weniger zuverlässig. Gerade durch die grenzübergreifende Zusammenarbeit können wir untersuchen, ob unsere Methoden auch unter unterschiedlichen Bedingungen robust bleiben.
Darüber hinaus bietet die Zusammenarbeit eine hervorragende Gelegenheit, einen Blick hinter die Kulissen des jeweils anderen zu werfen. Woher kommen Unterschiede in der Arbeitsweise und was sind deren Vor- und Nachteile? Das zwingt uns auch dazu, unsere eigene Arbeitsweise kritisch zu hinterfragen. Letztendlich wollen wir so zu einer einheitlicheren Versorgung in einer Grenzregion beitragen, in der eine fünfminütige Autofahrt manchmal bedeuten kann, dass ein Patient in ein anderes Gesundheitssystem gelangt. Die Versorgung sollte nicht davon abhängen, auf welcher Seite der Grenze ein Patient wohnt.
Welche Botschaft möchten Sie anderen Gesundheitseinrichtungen mit auf den Weg geben, die ebenfalls grenzübergreifend zusammenarbeiten möchten?
Mein wichtigster Rat lautet: Investiert mindestens genauso viel in die Zusammenarbeit wie in die Technologie. Verschiedene Länder und Krankenhäuser haben unterschiedliche Systeme, Verfahren und Vorschriften. Das bringt zwar manchmal praktische und administrative Herausforderungen mit sich, aber es ist hilfreich, in solchen Fällen deutliche Vereinbarungen zu treffen. Bei IMAGINATION stellen wir fest, dass eine unkomplizierte Kommunikation und das Vertrauen zwischen den Partnern dabei enorm wichtig sind. Wenn diese Grundlage stimmt, werden Unterschiede zwischen den Einrichtungen sogar zu einer Stärke. Man bringt unterschiedliches Fachwissen und verschiedene Perspektiven zusammen und entwickelt Lösungen, die nicht nur im eigenen Krankenhaus funktionieren, sondern für Menschen in den Gesundheitssystemen beider Länder.















